Regional, saisonal oder global?

Bildschirmfoto 2016-06-06 um 10.29.08 (2)Am Wochenende habe ich durch eine Broschüre des Umweltbundesamtes geblättert, in der die neuesten Zahlen über das Konsumverhalten der Deutschen fest gehalten und statistisch aufbereitet sind. Viele Fakten und Trends in dem Heftchen sehen so aus wie man sie vielleicht erwartet. Beim lesen eines Kapitels blieb mir jedoch der Mund offen stehen.

Flächenbelegung für Ernährungsgüter

Seit über fünfzehn Jahren schon liegen mehr als die Hälfte der Felder auf denen produziert wird was wir Deutschen verbrauchen im Ausland. Der letzte Stand 2010 zeigte sogar eine Steigerung auf 2/3 des im Ausland liegenden Ackerboden. Das Verdrehte dabei ist, dass der Ertrag der Agrarflächen in Deutschland nicht mal zur Hälfte für den eigenen Verbrauch genutzt wird. Um mal ein paar Zahlen zu nennen: Von fast 15 Millionen Hektar Ackerfläche gesamt werden die Erträge von fast 8 Millionen Hektar ins Ausland exportiert, uns bleiben also nur 7 Millionen Hektar zum eigenen Bedarf, den Rest müssen wir importieren.

In der Politik nennt man das virtuellen Landhandel. Wenn die Deutschen (oder andere europäische Länder) zum Beispiel in Brasilien Boden kaufen, um dort Sojabohnen für ihr Vieh anzubauen, dann fehlt den Brasilianern genau dieses Land für ihren eigenen Anbau.

Zählt man die eigenen und die durch Landhandel importieren Ackerflächen zusammen, die wir Deutschen brauchen, um unser Konsumverhalten zu stillen, kommt man auf rund 21 Millionen Hektar. Laut Experten würden die vorhandenen 15 Millionen Hektar fruchtbaren Bodens in Deutschland also nicht ausreichen um alle zu ernähren. Wenn man jedoch bedenkt, dass in unserem Land fast die Hälfte aller Lebensmittel entsorgt wird, bis sie bei uns im Magen landen, oder auch dass die Erzeugung von Rindfleisch im Vergleich zu Kartoffeln erschreckenderweise die 110-fache Ackerfläche belegt, dann müssten rein rechnerisch unsere Bodenbestände doch ausreichen, wenn wir endlich unseren noch essbaren Müll vermindern und lernen dass es auch für uns wesentlich gesünder ist, wenn wir weniger Fleisch essen.

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Das mit dem Vieh und dem Fleisch ist noch eine weitere Geschichte, auf die ich ein anderes Mal eingehen werde. An dieser Stelle soll nur gesagt sein: 57 % unseres (und des “importierten”) Bodens nutzen wir zum Anbau von Futtermitteln wie Soja, Raps und Getreide für Tiere und auf nur 43 % wachsen Lebensmittel pflanzlichen Ursprungs.

Die Globalisierung unserer Ernährung

Immer mehr Lebensmittel, die wir heute in unseren Einkaufsmärkten finden, kommen aus allen Teilen der Erde. Frachter, Flieger, Lastwagen und weltweite Märkte machen es möglich. Dies hat mehrere Vorteile: Dem Verbraucher werden exotische Lebensmittel wie Bananen, Quinoa oder Reis zur Verfügung gestellt, die im mitteleuropäischen Klima überhaupt nicht gedeihen würden. Außerdem werden sogenannte Saison-Spitzen ausgeglichen, weil Erdbeeren z. B. im Winter einfach aus Afrika importiert werden können. Schon bei einem kurzen Blick auf den Saisonkalender der aid ist zu erkennen, dass in den Sommermonaten die meisten pflanzlichen Lebensmittel Saison haben, in den Wintermonaten dagegen nicht.

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Der weltweite Handel bringt neben den oben genannten Vorteilen auch einige gravierende Nachteile mit sich. Durch den langen Transport werden viele Treibhausgase frei gesetzt und horrende Mengen an Energie verbraucht. Auch wird durch den offenen Weltmarkt an den Preisen gedreht und für ortsansässige Bauern die eigene Ernte aufgrund des hohen Preises unter Umständen unbezahlbar. Wenn in unseren Ländern super günstige Produkte von Extern angeboten werden, können die hiesigen Farmer meist nicht mehr mithalten und sie verlieren ihren Anteil am lokalen Markt. Weitere kritische Stimmen sprechen auch von Lohn- und Umweltdumping sowie Kulturverdrängung und Marktspekulationen.

Auch Regionalität muss mit Vorsicht genossen werden

Einige Lebensmittel, die in Mitteleuropa im Sommer oder Herbst Saison haben können in optimierten Kühlhäusern gelagert werden, dass sie auch zu anderen Jahreszeiten noch erhältlich sind. Ein Beispiel hierfür sind unsere Tafeläpfel. Studien haben gezeigt, dass Äpfel aus der Region nicht unbedingt weniger Rohstoffe brauchen als solche, die weit gereist sind. Da sie unter bestimmten, technisch aufwändigen Bedingungen lagern müssen, um ihre gewünschte Qualität bis zum Verkauf zu halten werden fast so viele oder sogar etwas mehr Klimagase ausgestoßen, als wenn die Äpfel von der anderen Seite der Erde transportiert werden.

Wenn wir bestimmte Produkte wie Soja, Reis, Südfrüchte (Bananen, Orangen, Kiwi und co.), Tee und Kaffee sowie Fische und Meeresfrüchte in unserem Speiseplan haben wollen, müssen wir sie wegen dem hiesigen Klima importieren. Uns bleibt gar nichts anderes übrig.

Vorteile der Regionalen Produkte

Trotzdem ist es durchaus von Vorteil, Regionalität wenn möglich zu bevorzugen. Ein Gang zum Wochenmarkt unterstützt nicht nur die hiesigen Bauern sondern auch den Erhalt der lokalen Pflanzenvielfalt. Da die Lebensmittel auf dem Markt meist unverpackt verkauft werden, wird so auch noch der Verpackungsmüll reduziert.

Einige Wissenschafter sind sogar davon überzeugt, dass regionale Lebensmittel direkt positive Wirkungen auf unseren Körper und unser Immunsystem haben. Das könnte daran liegen, dass wir beim Verzehr lokaler Produkte die Pflanzen verzehren, deren Pollen wir auch eingeatmet haben. Es gibt starke Vermutungen, dass ein überwiegender Verzehr von regionalen, lokalen Produkten zum Beispiel Menschen mit Heuschnupfen Linderung verschaffen kann, weil sie das gleiche Genmaterial, das ihnen in der Nase stecken bleibt über den Magen aufnehmen und den Körper daran gewöhnen.

Ein weiterer wichtiger Vorteil der Regionalen Produkte ist auch, dass ich eine gewisse Durchsichtigkeit gewährleisten kann, die in der heutigen Industrie verloren geht. Früher hat ein Bauer Getreide angebaut, ihn geerntet, daraus Mehl gemahlen, dann Brot damit gebacken und dieses entweder selbst verbraucht oder weiter getauscht oder verkauft. Heute entwickelt jemand im Labor eine gute Sorte Zuchtgetreide, ein anderer baut es an und erntet es, dann wird das Getreide an einen dritten verkauft, der daraus Mehl mahlt, es womöglich noch behandelt und verpackt und sein Produkt wieder weiter verkauft. Der nächste Produzent macht daraus Fertigbrot und -brötchen, die von einem “Bäcker” nur noch in einen Aufbackofen geschoben werden, damit ein letzter in der Kette das Produkt verkaufen kann. Regionalität, besonders solche die ich auf dem Wochenmarkt finde, durchbricht diese undurchsichtige Kette etwas.

Die Großindustrie hat natürlich den Wunsch der Kunden von Regionalität und Transparenz erkannt. In der Hinsicht ist sie also auch mit Vorsicht zu genießen, da sie durchaus mit einem hübschen Label auf dem Produkt dem Marketingstrategen in die Hände spielt.

Regionalfenster_allgemeinRegionalfenster-SiegelEins dieser Label, welches ich jedoch durchaus für sinnvoll halte, ist das Regional-Fenster. Dieses übersichtliche, himmelblaue Etikett wurde Anfang 2014 im Lebensmitteleinzelhandel eingeführt und ist seitdem in immer mehr Läden zu finden. Die mit dem Label gekennzeichneten Produkte müssen sich dabei für die Auszeichnung bewerben und alle Teilschritte der lokalen Produktion nachweisen können.

So kann zum Beispiel eine Erdbeermarmelade zeigen, dass sie nicht nur mit Regionalität wirbt, weil sie im Inland verarbeitet wurden aber nur ausländische Früchte enthält, sondern dass die Zutaten auch wirklich in der Region gewachsen sind.

Den Schweizern ist Regionalität sogar noch wichtiger als den Deutschen. So musste sich Aldi Suisse zum Beispiel kräftig bemühen, vorwiegend Schweizer Produkte anzubieten und damit zu werben, damit genug Kunden in den Geschäften ihr Geld lassen würden. Auch die hiesigen Lebensmittelriesen coop und Migros bieten ganze Reihen von regionalen Produkten an.

Mein Fazit

Ich habe als Selbstversuch über den letzten Winter probiert, uns vorwiegend von regionalen und saisonalen Produkten zu ernähren (also auch ein bisschen die Äpfel aus dem energieschluckenden Kühlhaus zu vermeiden). Dabei haben wir vor allem viele verschiedene Kohlsorten gegessen und ich habe Chicorée lieben gelernt. Aber es war durchaus möglich, mit einigen kleinen Ausnahmen.

In meinen Augen ist es wichtig, dass wir uns bemühen, der Globalisierung etwas Einhalt zu gebieten. Zum Beispiel um nicht auf Kosten von anderen Völkern dieser Erde zu leben und uns zu laben. Ich gebe gerne etwas mehr für unsere Lebensmittel aus, wenn ich weiß, dass das Geld beim Bauern nebenan auch zu 100 % ankommt. Mein Schreck über die unerwarteten Zahlen ist also weniger groß, vor allem auch weil ich weiterhin gerne Reis, Bananen, Mangos und Orangen essen möchte, besonders dann wenn sie auch in ihrem Land Saison haben. Dennoch sollte man mit einem gesunden Menschenverstand an die Sache gehen. Nachhaltige oder auch regionale Produkte können einem dabei durchaus helfen nicht auf Kosten anderer zu leben.

2 Gedanken zu “Regional, saisonal oder global?

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