Wir armen Menschen

Vor ein paar Wochen war es mir unmöglich im Zug eine Unterhaltung von vier Frauen zu überhören. Eine von ihnen gab Preis, dass sie sich seit einiger Zeit nun vegan ernähre. Für eine andere Dame in der Runde war der Begriff und seine Bedeutung fremd, aber mit der Zeit stellte sich im Gespräch heraus, dass alle vier Frauen Ernährungs-affin waren und in ihrem Leben bereits die eine oder andere radikale „Wunder-Diät“ durchgeführt hatten.

Von Saft-Entschlackung bis Paleo waren eine ganze Reihe Diäten Teil ihrer Auflistung. Sie wogen die Erfolge und Misserfolge sowie die Pros und Kontras gegeneinander ab und alle waren von ihrem eigenen persönlichen Weg überzeugt. Sie schienen sich gegenseitig ihre eigens durchgeführten Diäten auf die Pendenzen-Liste des Gegenüber zu setzen und obwohl sie bald darauf scheinbar fröhlich den Zug verließen, schwang ihnen eine Menge Verwirrung und Verzweiflung nach.

Da ich nicht anders konnte als ihrem Gespräch aufmerksam zu lauschen, begann ich innerlich mit dem Kopf zu schütteln. Ein Gedanke kristallisierte sich in meinem Hirn: Wir armen Menschen, die in einer Gesellschaft des Überflusses leben und die viel zu viel von allem haben. Zwar sind wir scheinbar reich, aber eigentlich wirklich arm dran. Der Überfluss scheint unser Leben zu vereinfachen, aber im Grunde wird alles nur verkompliziert.

Ich musste an meine Patienten mit Anorexie und Bulimie denken, die genau wegen diesem Überfluss und der deshalb entstehenden Verkomplizierung für den Rest ihres Lebens zu kämpfen haben. Genau diese ganzen Diäten und Ernährungsformen sind das Öl, das regelmäßig ins Feuer dieser essgestörten und aller anderen Menschen geworfen wird.

Als ich meinem Mann von dem Vorfall berichtete meinte er nur: „Ist es nicht furchtbar, dass sich hier die Menschen wegen dem Überfluss zu Tode hungern, wo es in vielen anderen Ländern dieser Welt so viel Hunger und Mangel gibt?“ Warum machen wir das? Warum müssen wir alles so verkomplizieren und radikalisieren? Warum müssen wir uns so streng beschneiden, wenn uns alles unbegrenzt zur Verfügung steht?

Stolperstein Diät09-04-06_no372_nebenwirkungen

Ich halte nichts von Diäten. Ich habe noch keine kennen gelernt, die nicht irgendwelche schlechten Nebenwirkungen erzeugt. Wirklich. Einfach keine.

Besonders wenn man nach der zeitlich begrenzten Diät wieder in alte Gewohnheiten zurück fällt entsteht in jedem Fall der alt bekannte Jo-Jo-Effekt. Manchmal mehr, manchmal weniger, aber er kommt. Oft nimmt man nach einer Crash-Diät mehr zu als was man vorher abgenommen hat. Und schon wird die nächste Diät fällig.

Mittlerweile weiß man, dass Menschen (und besonders Frauen) die genau diese großen Gewichtsschwankungen häufig in ihrem Leben aufweisen eher dazu neigen, Diabetes und andere metabolische Krankheiten zu entwickeln. Zudem werden sie langfristig Schwierigkeiten mit einem wiederkehrenden Übergewicht haben. Warum ist das so?

Problematik der Diäten

Diäten bringen den Stoffwechsel ordentlich durcheinander. Ich kann dank einer Radikal-Diät vielleicht kurzfristig Erfolg erzielen, besonders solchen, den man auf der Körperwaage sieht. Aber einmal mit Diäten begonnen können sie den Organismus in eine Spirale ziehen, die sich immer weiter zuspitzen wird. Der fatalste Faktor ist dabei das Verlernen des Hunger- und Sättigungsgefühls. Im schlimmsten Fall landen die Betroffenen dann irgendwann in der Klinik, in der ich arbeite. Nach dieser Haltestelle kommt eigentlich nur noch der Tod, wenn man den sich stetig windenden Teufelskreis nicht unter Kontrolle bekommt.

Eine weitere Problematik der sogenannten Crash-Diäten liegt darin, dass sie sehr strenge Ernährungsvorgaben suggerieren. Diese erzeugen einen unheimlichen Druck und lassen viele Menschen unnötig streng mit sich ins Gericht gehen. Ärzte und Wissenschaftler stellen aber immer wieder fest: Menschen, die eher eine flexible Ernährungsweise haben, weisen durchschnittlich einen gesünderen BMI auf als diejenigen, die sich strenge Regeln auferlegen. Unter einer flexiblen Ernährungsweise verstehen die Spezialisten dabei, dass man sich durchaus ausgewogen und gesund ernährt aber keinen Zwängen unterzieht und auch mal ein Stück Schokolade oder eine Portion Pommes zulässt.

Die strengen Regeln verändern nämlich die Denkweise im Hirn. Im ersten Augenblick hört sich das vielleicht gut an: Ich lerne Nachhaltig dass die bereits erwähnten, in Fett gebackenen Kartoffelecken nicht gut für mich sind. Aber das, was auf psychologischer Ebene geschieht wirkt viel tiefer. Ich leide durch Einschränkung unter einem ständigen Druck und verdamme unter Umständen solche Lebensmittel (wie z.B. zuckerhaltige Früchte, fetthaltiger Käse), die eine vielseitige, nährstoffreiche Ernährung unterstützen würden.

Die Lösung

Der Begriff Diät bedeutet in seinem griechischen Ursprung „Lebensweise/gesunde Lebensweise“, im lateinischen „geregelte Lebensweise“. Mit der heutigen Auslegung des Begriffs hat das nichts zu tun. Was der Begriff „Diät“ in seinem Ursprung bedeutet, ist jedoch die Lösung des Problems.

Falls Unzufriedenheit mit dem Gewicht, der Gesundheit oder einfach nur mit der Ernährung besteht, ist eine solche gesunde, geregelte Lebensweise nämlich die Lösung. Eine sogenannte Ernährungsumstellung ist von Nöten. Mit Veränderungen, die man langfristig durchführen und einhalten kann.

Ziele setzenSMARTe-Ziele-setzen

Besonders zum Start eines neuen Jahres kommt der Wunsch von Veränderung bei vielen Menschen auf. Und Veränderung ist gut! Diese kann durch sinnvolle Ziele in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Richtige Zielsetzung sollte immer “SMART” geschehen: Spezifisch, messbar, erreichbar, realistisch und terminiert.

Unter Berücksichtigung der genannten Hinweise könnten gute Essens-Vorsätze fürs neue Jahr zum Beispiel so aussehen:

  • Im Januar jeden Tag nur eine Süßigkeit pro Tag essen (z.B. ein Riegel Schokolade, ein Stückchen Kuchen).
  • Die nächste Woche jeden Tag zwei Liter Wasser trinken.
  • Bis Ostern jeden Tag drei Portionen Gemüse und zwei Portionen Obst aufnehmen.
  • Bis Ende des Jahres meinen Fleischkonsum auf zwei bis drei Mahlzeiten pro Woche reduzieren (insgesamt maximal 600 g Fleisch/Woche).
  • Die nächsten beiden Wochen das Auto öfter mal zu Hause stehen lassen und kleine Erledigungen (wenn möglich) zu Fuß erledigen.
  • Bis Ende Januar alle Fertigpackungen aus dem Haushalt verbannen und mit frischen Zutaten kochen.

Solche Ziele können (natürlich persönlich angepasst) zu langfristigem Erfolg führen! Sie sind nämlich ganz spezifisch, messbar, durchaus zu erreichen, realistisch und haben einen bestimmten Zeitraum oder ein End-Datum. Wenn man dann dran bleibt und sich in regelmäßigen Abständen wieder evaluiert und neue, sinnvolle Ziele setzt, werden sich die Veränderungen irgendwann zu guten Gewohnheiten entwickeln. Die recht kurzen Zeitspannen habe ich erstmal zum vereinfachten Erreichen der Ziele gewählt.

Wenn ich meinen Körper mit Hilfe solcher Umstellungen gesünder ernähre, wird er in den meisten Fällen mit der Zeit ganz von alleine sein Idealgewicht erreichen. Das eigene Verhalten wird sich ändern und man wird langfristig fit und gesund bleiben ohne ständig wieder an neuen Diäten scheitern zu müssen.

Wenn beim Setzen und erreichen solcher Ziele Hilfe nötig ist, stehe ich gerne zur Verfügung. Manchmal ist es nämlich ausgesprochen schwierig, sich gute Gewohnheiten alleine anzueignen. Der innere Schweinehund arbeitet oft dagegen. Wenn man solche Ziele aber zu zweit angeht ist das sonderbare Tier bereits in der Unterzahl.

Ich hoffe, dass über Weihnachten also trotz aller dubiosen Diät-Versprechen die Plätzchen mit Freude genascht wurden. In dem Sinne wünsche ich einen tollen und erfolgreichen Start ins neue Jahr!

2 Gedanken zu “Wir armen Menschen

  • Yvonne

    Das hast du alles sehr schön formuliert. Es ist seit Jahren schon meine Erkenntnis. Meine “Diät” ist meine tägliche Lebensweise. Es macht soo glücklich, sich ausgewogen, gesund und vernünftig zu ernähren.

    Tja: Das liebe Wasser. Immer wiedervertappe ich mich, dass es mir schwer fällt, meine Menge täglich zu trinken. nur: ich muss nicht nur 2 Liter pro Tag schaffen, sondern viel mehr, aus gesundheitlichen Gründen und wegen meiner 3 unheilbaren Lymphkrankheiten. Zum Glück gibts da noch Yasmine, die mich immer wieder ermahnt.

    Es ist echt traurig, welcj immensen Kaufkonsum wir betreiben. mir wird schlecht beim Zuschauen! Wenn wir alle bescheidener leben würden, hätten alle Menschen auf dieser Erde genug zu essen (Studie, die das bestätigt, und zwar von Schlaueren als mir!)

    Es stimmt echt nachdenklich. Mein Ziel in diesem Jahr: mehr und mutiger darauf aufmerksam machen, denn wurvhaben tatsächlich eine Verantwortung und können nicht immer sagen: Wir können nichts dafür! Wir prägen unsere Gesellschaft und können sehrcwohl etwas tun.

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